Jascha Wendelstein
Keratokonus · Zürich

Keratokonus — die Hornhaut stabilisieren, das Sehen erhalten.

Beim Keratokonus wird die Hornhaut mit der Zeit dünner und wölbt sich kegelförmig vor. Das verzerrt das Bild und lässt sich mit einer Brille allein oft nur unzureichend ausgleichen. Die gewichtige Nachricht: Früh erkannt, lässt sich der Verlauf in vielen Fällen stabilisieren, und für das Sehen gibt es heute mehrere Wege. Entscheidend ist, früh zu handeln und einen vermeidbaren Faktor ernst zu nehmen: das Augenreiben.

Was ist Keratokonus?

Die Hornhaut ist die klare, kuppelförmige Vorderseite des Auges und bündelt das einfallende Licht. Man kann sie sich wie eine Kuppel vorstellen, die von einem feinen Gerüst getragen wird. Beim Keratokonus sind die stabilisierenden Querverstrebungen dieses Gerüsts zu schwach, die Kuppel verliert ihren Halt, gibt nach und wölbt sich an einer Stelle kegelförmig vor. Meist sind beide Augen betroffen, oft unterschiedlich stark, und die Erkrankung beginnt häufig in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter.

Eine instabile, unregelmäßige Kuppel kann das Licht nicht mehr auf einen Punkt bündeln, das Bild wirkt verzerrt und unscharf, oft mit Schatten oder Doppelkonturen. Weil eine Brille eine regelmäßige Hornhaut voraussetzt, lässt sich die Unschärfe ab einem gewissen Punkt mit Brillengläsern nicht mehr ausgleichen; formstabilen Kontaktlinsen, die der Hornhaut eine glatte Vorderfläche aufsetzen, gelingt das dann besser. Die Erkrankung kann über Jahre fortschreiten, bevor sie sich in vielen Fällen von selbst beruhigt.

Vorwölbung Normale Hornhaut gleichmäßige Wölbung Keratokonus kegelförmige Vorwölbung
Gleichmäßige Wölbung gegenüber kegelförmiger Vorwölbung. Schematische Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Wichtig

Augenreiben — der wichtigste vermeidbare Faktor

Kräftiges oder häufiges Augenreiben gilt als einer der wichtigsten Risikofaktoren dafür, dass ein Keratokonus beginnt oder fortschreitet: Der mechanische Druck belastet die ohnehin geschwächte Hornhaut zusätzlich. Oft steckt Juckreiz dahinter, etwa bei Allergien oder trockenen Augen. Deshalb gilt konsequent: nicht reiben, und die Ursache des Juckreizes behandeln lassen. Das ist der eine Punkt, den Sie selbst aktiv in der Hand haben, und er kann über den weiteren Verlauf mitentscheiden.

Früh erkennen — warum das zählt

Je früher ein Keratokonus erkannt wird, desto eher lässt sich sein Fortschreiten aufhalten, bevor das Sehen dauerhaft leidet. Sichtbar wird er vor allem in der Hornhaut-Vermessung (Topographie und Tomographie), die Form und Dicke der Hornhaut präzise abbildet, oft schon, bevor Beschwerden auftreten. Eine sich häufig ändernde Brillenstärke, gerade bei jüngeren Menschen, sollte hellhörig machen. Die präzise Vermessung von Hornhaut und Auge ist zugleich ein Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Arbeit.

Behandlung — zwei Ziele, mehrere Wege

Die Behandlung verfolgt zwei unterschiedliche Ziele, die man auseinanderhalten sollte: erstens das Fortschreiten stoppen (die Hornhaut stabilisieren), zweitens das Sehen verbessern (die unregelmäßige Form ausgleichen). Welche Verfahren in Frage kommen, hängt vom Stadium, der Hornhautdicke und Ihren Beschwerden ab, das klärt die Untersuchung.

Crosslinking — die Hornhaut stabilisieren

Das Crosslinking (Hornhautvernetzung) ist das zentrale Verfahren, um ein Fortschreiten aufzuhalten, es setzt genau am schwachen Gerüst an. Mit Vitamin B2 (Riboflavin) und UV-A-Licht werden im Hornhautgewebe zusätzliche Quervernetzungen erzeugt: gewissermaßen die fehlenden Querverstrebungen, die die Kuppel wieder festigen. Das Ziel ist die Stabilisierung, das Crosslinking soll den Verlauf stoppen, macht eine bereits bestehende Verformung aber in der Regel nicht rückgängig und ist daher kein Verfahren zur Sehverbesserung im eigentlichen Sinn.

PRK + Crosslinking — stabilisieren und die Form glätten

In geeigneten Fällen lässt sich ein schonender, an die Hornhautform angepasster Laserabtrag (PRK) mit dem Crosslinking kombinieren: Der Laser glättet die unregelmäßige Oberfläche, das Crosslinking stabilisiert sie. Ziel ist, neben der Stabilisierung auch die Sehqualität zu verbessern. Weil dabei Gewebe abgetragen wird, kommt dieser Weg nur bei ausreichender Hornhautdicke und in ausgewählten Situationen in Frage, die Eignung wird sorgfältig geprüft.

CAIRS — Ringsegmente aus Spendergewebe

CAIRS (Corneal Allogenic Intrastromal Ring Segments) ist ein neueres Verfahren, bei dem feine Ringsegmente aus menschlichem Spender-Hornhautgewebe in die Hornhaut eingelegt werden, um die kegelförmige Vorwölbung zu regularisieren und das Sehen zu verbessern. Anders als bei klassischen Kunststoffringen wird körperähnliches Gewebe verwendet. Je nach Befund lässt sich CAIRS mit dem Crosslinking kombinieren.

Brille und (formstabile) Kontaktlinsen

Für die reine Korrektur des Sehens sind Brille und vor allem formstabile oder sklerale Kontaktlinsen in vielen Fällen die erste Wahl, sie gleichen die unregelmäßige Hornhaut optisch aus, ganz ohne Eingriff. Sie stabilisieren die Erkrankung jedoch nicht; ein dokumentiertes Fortschreiten wird unabhängig davon behandelt.

Phake Linse — die Brillenstärke ausgleichen bei stabiler Hornhaut

Ist der Keratokonus stabil, geht es oft nur noch darum, die verbliebene Fehlsichtigkeit auszugleichen und unabhängiger von der Brille zu werden. Hier kann eine phake Linse (etwa eine ICL) helfen: eine zusätzliche Linse, die ins Auge eingesetzt wird, während die eigene Linse erhalten bleibt. Sie verändert die Hornhaut nicht, sondern korrigiert die Brillenstärke, eine Option vor allem bei stabilen Verläufen, je nach Befund auch in Kombination mit den stabilisierenden Verfahren. Zu phaken Linsen beim Keratokonus habe ich klinische Ergebnisse mitveröffentlicht (Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol, 2021).

Grauer Star bei Keratokonus — anspruchsvoll bei Linsenwahl und Berechnung

Kommt mit den Jahren ein grauer Star hinzu, ist dessen Operation beim Keratokonus deutlich anspruchsvoller als am normalen Auge: Die unregelmäßige Hornhaut erschwert sowohl die Berechnung der Kunstlinse als auch die Wahl des Linsentyps. Abzuwägen ist etwa, ob eine sphärische, eine aberrationsneutrale oder eine aberrationskorrigierende Linse sinnvoll ist, ob eine torische Linse zum Ausgleich der Verkrümmung in Frage kommt, und ob zusätzliche Verfahren die Optik vorab verbessern sollten. Genau hier greifen meine beiden Forschungsfelder ineinander: die Berechnung von Kunstlinsen und der Keratokonus. Das erlaubt eine fundierte, auf Ihr Auge bezogene Abwägung.

Und wenn der Keratokonus weiter fortgeschritten ist?

In fortgeschrittenen Fällen, bei Narben, sehr dünner Hornhaut oder wenn Kontaktlinsen nicht mehr vertragen werden, kann eine teilweise (DALK) oder vollständige (PKP) Hornhauttransplantation nötig werden. Genau das wollen die Verfahren oben möglichst verhindern: Früh erkannt und stabilisiert, lässt sich eine Transplantation oft vermeiden oder weit hinauszögern.

Beratung aus aktiver Forschung

Der Keratokonus ist einer meiner wissenschaftlichen Schwerpunkte. Ich habe zur Biomechanik der Hornhaut und zum Crosslinking publiziert (J Refract Surg, 2021; Curr Eye Res, 2023), zur präzisen Bestimmung der Hornhautbrechkraft beim Keratokonus (Clin Exp Ophthalmol, 2026) und zum Einfluss von Epithelveränderungen auf die Hornhaut- und Linsenberechnung bei irregulären Hornhäuten (Ophthalmic Physiol Opt, 2025; Z Med Phys, 2025). Eine Übersicht finden Sie auf PubMed.

Hinzu kommt die Auswahl und Berechnung von Linsen, von phaken Linsen wie der ICL (mehr dazu auf meiner ICL-Seite) bis zur Kunstlinse beim grauen Star. Speziell zur Linsenwahl und -berechnung beim Keratokonus habe ich auf zahlreichen Kongressen und Fachtagungen vorgetragen. So ordne ich aus erster Hand ein, was die Verfahren leisten und wo ihre Grenzen liegen, statt aus einer Broschüre.

Keratokonus — was ist in meinem Fall sinnvoll?

Ob und wie behandelt wird, hängt vom Stadium, der Hornhaut und Ihren Beschwerden ab. In der Sprechstunde vermessen wir die Hornhaut, ordnen den Befund ehrlich ein und besprechen, welcher Weg, stabilisieren, das Sehen verbessern oder zunächst beobachten, für Sie sinnvoll ist.

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