Jascha Wendelstein
Grauer Star & Linsenwahl · Zürich

Grauer Star: die getrübte Linse erneuern — und die richtige Linse wählen.

Beim grauen Star trübt sich die klare Linse im Auge mit den Jahren ein, das Sehen wird unscharf, kontrastärmer, lichtempfindlicher. Die gute Nachricht: Die eingetrübte Linse lässt sich durch eine klare Kunstlinse ersetzen. Die eigentliche Frage ist dann weniger das Ob als das Welche, und genau Linsenauswahl und -berechnung sind ein Schwerpunkt meiner Arbeit.

Was ist der graue Star?

Die Augenlinse sitzt hinter der Pupille und bündelt das Licht scharf auf die Netzhaut. Mit dem Alter verliert sie ihre Klarheit und färbt sich ein, ganz ähnlich, wie Haare mit den Jahren grau werden. Es ist ein natürlicher Vorgang, kein Versäumnis: Fast jeder Mensch entwickelt früher oder später einen grauen Star. Meist sind beide Augen betroffen, oft zeitversetzt. (Hintergrund: Die Linse besteht aus feinen Eiweißen; mit dem Alter lagern sie sich um und trüben ein, ähnlich, wie klares Eiweiß beim Erhitzen weiß und undurchsichtig wird.)

Das Sehen verändert sich dabei wie der Blick durch eine zunehmend beschlagene, milchige Fensterscheibe: Konturen werden weicher, Farben blasser, und Lichtquellen, Scheinwerfer, Sonne, blenden stärker und bekommen Höfe. Auch häufige Brillenwechsel, die nichts mehr bringen, sind ein typisches Zeichen.

Warum hilft keine Brille mehr?

Eine Brille verschiebt nur den Brennpunkt, sie kann ein unscharfes Bild nachjustieren, aber keine trübe Scheibe wieder klar putzen. Solange die Trübung in der Linse selbst sitzt, bleibt das Bild matt, egal wie gut die Brille ist. Klarheit bringt erst der Austausch der Linse.

Die Operation — kurz und ehrlich

Bei der Operation wird die eingetrübte Linse entfernt und durch eine klare Kunstlinse (Intraokularlinse, IOL) ersetzt, die dauerhaft im Auge bleibt. Der Eingriff gehört zu den häufigsten und am besten untersuchten überhaupt und erfolgt in der Regel ambulant und in örtlicher Betäubung, ein Auge nach dem anderen. Wie bei jedem Eingriff wägen wir Nutzen und Aufwand individuell ab und besprechen Ablauf und mögliche Risiken vorab in Ruhe.

Die eigentliche Entscheidung: welche Linse?

Weil die Kunstlinse ein Leben lang bleibt, ist ihre Wahl die wichtigste Weichenstellung. Im Kern steht ein physikalischer Kompromiss: Jede Linse arbeitet mit derselben Menge einfallenden Lichts. Sie kann dieses Licht entweder ganz auf eine Entfernung bündeln, dann ist das Bild dort besonders scharf und kontrastreich, oder es auf mehrere Entfernungen aufteilen, dann sieht man in mehr Distanzen ohne Brille, aber jede Entfernung bekommt einen kleineren Anteil. Ähnlich wie der Unterschied zwischen einer Einstärken- und einer Gleitsichtbrille, nur fest im Auge.

Häufiges Missverständnis

Die Linse wird ersetzt — nicht ergänzt

Viele gehen davon aus, eine Linse für die Ferne komme einfach zu dem hinzu, was sie heute schon sehen, etwa die scharfe Nähe. Tatsächlich übernimmt Ihre eigene Linse bisher diese Schärfe. Wird sie entfernt und durch eine monofokale Kunstlinse für die Ferne ersetzt, gewinnen Sie die Ferne, geben aber die gewohnte, unbebrillte Nähe ab und brauchen dort künftig eine Lesebrille, auch dann, wenn Sie heute ohne Brille lesen können. Eine monofokale Linse stellt in genau einer Entfernung scharf; welche das sein soll, legen wir vorher gemeinsam fest, passend zu Ihrem Alltag.

Nähe mittlere Distanz Ferne Monofokal EDOF Trifokal scharf ohne Brille
Wo jede Linsenart ohne Brille scharf stellt, stark vereinfacht. Welche Lösung passt, hängt von Augen und Alltag ab.

Monofokale Linse — die bewährte Standardlösung

Stärke: höchster Kontrast und wenig optische Nebenwirkungen, scharf in einer Hauptentfernung (meist der Ferne). Kompromiss: für die übrigen Entfernungen, meist das Lesen, braucht es eine Brille. Verlässlich und gut verträglich.

EDOF — die Tiefenschärfe-Linse

Stärke: ein gedehnter Scharfbereich von der Ferne bis in den mittleren Abstand (Bildschirm, Armaturenbrett), mit weniger Lichthöfen als multifokale Linsen. Kompromiss: fürs Lesen kleiner Schrift ist oft noch eine leichte Brille nötig. Ein Mittelweg.

Multifokale / trifokale Linse — mehr Brillenunabhängigkeit

Stärke: in vielen Alltagssituationen Sehen ohne Brille, nah und fern. Kompromiss: Das aufgeteilte Licht kann nachts Lichthöfe und Blendung erzeugen und den Kontrast etwas senken; nicht jedes Auge eignet sich, und eine gesunde Netzhaut sowie eine regelmäßige Hornhaut sind Voraussetzung. Eine ehrliche Aufklärung über diese Kompromisse ist mir wichtig, sie sind kein Mangel, sondern Physik.

Torische Linse — bei Hornhautverkrümmung

Hat Ihr Auge eine Hornhautverkrümmung, ist es eher wie ein Rugbyball als wie ein Fußball geformt. Eine torische Linse wird passend dazu geschliffen und gleicht diese Verkrümmung aus. Sie lässt sich mit monofokalen, EDOF- oder multifokalen Linsen kombinieren und muss im Auge präzise ausgerichtet werden.

Es gibt nicht die eine „beste" Linse, es gibt die für Sie passende. Welche das ist, ergibt sich aus Ihren Augen, Ihrem Alltag (Beruf, Autofahren, Hobbys) und Ihrer Bereitschaft, optische Kompromisse einzugehen. Genau das besprechen wir in Ruhe.

Linsenberechnung — worüber das Ergebnis mitentscheidet

So wichtig wie die Linsenart ist ihre Stärke, und die muss für jedes Auge einzeln vermessen und berechnet werden, wie ein Maßanzug nach exakten Maßen statt von der Stange. Weil die Linse einmal eingesetzt wird und bleibt, entscheidet die Genauigkeit dieser Berechnung über das spätere Sehen mit. Genau hier liegt einer meiner Forschungsschwerpunkte: Ich habe an Formeln zur Berechnung der Linsenstärke mitpubliziert, unter anderem an der Castrop-Formel, und bin berufenes Mitglied des IOL Power Club, eines internationalen Fachkreises zur Wissenschaft der Linsenberechnung. So fließt die Auswahl und Berechnung Ihrer Linse aus erster Hand in die Beratung ein, nicht aus einer Broschüre.

Besonders anspruchsvoll wird die Berechnung bei Augen, die von der Norm abweichen: nach einer refraktiven Laserkorrektur (LASIK, PRK oder SMILE), bei Fuchs'scher Endotheldystrophie, bei Hornhautnarben oder beim Keratokonus. Hier liefern Standardformeln oft ungenaue Werte, weil die Hornhaut nicht mehr den üblichen Annahmen entspricht. Genau diese schwierigen Fälle, und wie sich die Hornhautbrechkraft dabei präziser bestimmen lässt, sind Gegenstand meiner Forschung (Ophthalmic Physiol Opt, 2025; Z Med Phys, 2025).

→ Forschung & Publikationen zur Linsenberechnung

Laser bei der Katarakt-OP? — FLACS, ehrlich eingeordnet

Auch bei der Operation des grauen Stars kann ein Femtosekundenlaser einzelne Schritte übernehmen, etwa Schnitte oder das Eröffnen der Linsenkapsel (femtosekundenlaser-assistierte Kataraktchirurgie, FLACS).

Was macht der Laser, und was ist der Gedanke dahinter? Er bereitet zwei Schritte vor, die sonst von Hand erfolgen. Erstens die kreisrunde Öffnung der Linsenkapsel, vergleichbar mit einem Maßschneider, der einen exakt runden Ausschnitt anzeichnet und vorstanzt. Der Gedanke dahinter: Die Lage dieser Öffnung beeinflusst, wie die neue Linse später sitzt, was besonders bei torischen und Premiumlinsen eine Rolle spielt. Zweitens zerteilt der Laser die getrübte Linse vorab in feine Segmente, ähnlich einem Gitter, das einen festen Block in Puzzleteile vorschneidet, sodass zum Entfernen weniger Ultraschall nötig ist. Die eigentliche Operation führe ich anschließend selbst durch; der Laser ersetzt sie nicht, sondern bereitet einzelne Präzisionsschritte vor.

Ehrlich eingeordnet: Für die routinemäßige Katarakt-Operation zeigen Vergleichsstudien keinen Vorteil im Sehergebnis gegenüber der bewährten manuellen Technik, bei höheren Kosten, von Hand lässt sich ein ebenso gutes Ergebnis erzielen. „Nicht belegt" heißt aber nicht „kein Nutzen": Mögliche Vorteile für die langfristige Lage und Zentrierung der Kunstlinse, was gerade bei Premiumlinsen zählt, lassen sich heute kaum in Studien zeigen, weil sich Neigung und Zentrierung der Linse im Auge nur mit wenigen, kaum verbreiteten Geräten über Jahre zuverlässig messen lassen. Solche Langzeitdaten gibt es daher schlicht (noch) nicht.

Was sich beobachten lässt: Der Laser erzeugt eine sehr gleichmäßig runde, zentrierte Kapselöffnung. Und in besonderen Ausgangslagen, etwa bei geschwächter Linsenaufhängung (Zonulolyse) oder empfindlichem Hornhaut-Endothel (Fuchs-Dystrophie), kann er praktisch sein, weil weniger manuell an der Linse selbst gearbeitet werden muss. Ob er in Ihrem Fall sinnvoll ist, besprechen wir individuell, ohne Automatismus.

Sonderfall Keratokonus. Bei verformter Hornhaut sind Linsenwahl und -berechnung deutlich anspruchsvoller. → Grauer Star bei Keratokonus

Noch keine Alterssichtigkeit, einfach die Brille loswerden? Dann kann die ICL einen Blick wert sein, eine zusätzliche Linse, die Ihre eigene erhält. → Zur ICL

Restfehlsichtigkeit nach der Linsen-OP? Eine kleine Abweichung lässt sich nachträglich feinkorrigieren, per Hornhaut-Laser oder Add-on-Linse. → Feinkorrektur nach Linsen-OP

Grauer Star — welche Linse passt zu mir?

Ob und wann operiert wird und welche Linse sinnvoll ist, hängt von Ihren Augen und Ihrem Alltag ab. In der Sprechstunde vermessen wir das Auge, ordnen den Befund ehrlich ein und besprechen die Linsenoptionen mit ihren Vor- und Nachteilen, ohne Drängen zu einer Premium-Lösung.

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